Warum Kenianer einfach schneller sind

Jan Fitschen, 10000m-Europameister von 2006, ist jetzt Autor. In seinem Buch „Wunderläuferland Kenia“, was im Herbst diesen Jahres erscheinen soll, treibt ihn die Frage um, warum diese Kenianer in einer solchen Breite viel schneller rennen als „wir“ Europäer. Er scheint der alten Diskussion neuen Treibstoff gegeben haben, denn auch einer der besten Schweizer Marathonläufer, Christian Kreienbühl, hat jüngst Nachforschungen angestellt.

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Dass bei den (großen) Marathons immer die Schwarzen vorne die erste Geige spielen, fällt nicht nur auf, sondern scheint zur allgemein anerkannten Tatsache geworden zu sein. Da macht man sich schon seine Gedanken – warum ist das so? Ich möchte der Diskussion eine neue Note anfügen und behaupte: Die grundsätzliche Motivation ist eine andere, hervorgerufen durch den Unterschied von Laufen zum Geldverdienen und Laufen zum Spaß. Zwei völlig unterschiedliche Ebenen in den gängigen Motivationstheorien (Bedürfnis-Motiv-Wert-Theorien).

Ziele sind es, die Menschen antreiben, zum Handeln bringen. Gemäß den Bedürfnis-Motiv-Wert-Theorien haben diese Ziele ihren Ursprung in überdauernden Bedürfnissen, Motiven und Werten der Person. Der vielleicht bekannteste Vertreter dieser Art der (Arbeits-)Motivationstheorien ist Maslow (1954). Er versucht die menschliche Motivation so zu erklären, dass der Mensch Bedürfnisse hat. Jedes Bedürfnis stellt eine Stufe dar und wird in Form einer Pyramide angeordnet. Erst wenn die unterste Stufe befriedigt ist, kann die nächste durch Handlung in Angriff genommen werden, dann wiederum die nächste. Maslow postuliert eine Hierarchie der Bedürfnisse, die der Mensch durch seine Handlungen versucht, nacheinander zu befriedigen. Allzu statisch darf die Pyramidendarstellung allerdings nicht betrachtet werden. Häufig reiche schon ein Befriedigungsgrad von 70% oder weniger aus, um das nächsthöhere Bedürfnis in den Vordergrund treten zu lassen (Maslow, 1971).

Nach Maslow stehen die „physiologischen Grundbedürfnisse“ (wie Nahrung) ganz unten. Es folgen die Stufen der „Sicherheit“ und der „sozialen Beziehung“. Dann erst kommt die vierte Stufe „Anerkennung und Status“. Das höchste Ziel sowie die letzte Stufe der „Selbstverwirklichung“ wird nie gänzlich erfüllt.

Wie bereits angesprochen bin ich der Meinung, dass die Bedürfnisse und damit die Ursache der Motivation in den unterschiedlichen Kulturen verschieden sind. In (Ost-)Afrika bedeutet schnelles Laufen Reichtum und damit sowohl ausreichende und bessere Erfüllung der Grundbedürfnisse sowie mehr Sicherheit. Die tiefsten menschlichen Bedürfnisse treiben in jedem Training zu Höchstleistungen an. Erst danach bedeuten die guten Platzierungen und schnellen Zeiten Anerkennung und Status. Nur ganz wenige schaffen es so weit, das Ende ihrer Karriere der Selbstverwirklichung zu widmen.
Die „Weißen“ hingegen können sich stets gewiss sein, dass die ersten beiden Stufen erfüllt sind. Und steigen deshalb gleich auf Stufe vier oder gar fünf ins Lauftraining ein. Wodurch von Beginn an die Prioritäten andere sind. Vielleicht das entscheidende Quäntchen hier und da, was in der Endabrechnung zu großen Leistungsdifferenzen führen kann.

Natürlich ist auch der Selektionsprozess mitverantwortlich für die absoluten Höchstleistungen. Die, die wir sehen, sind die Besten der Besten. Auch bedingt aber durch die grundsätzliche Motivation. Das Laufen ist der einzige Weg, die ersten beiden Motivationsstufen überzuerfüllen. Ergo versuchen es viele. Viel mehr als hier. Und treiben sich gegenseitig an.
Weiterhin bestimmt unser Denken und Handeln auch unsere Physiologie und unsere Gene. Und dünnere Beine laufen schneller. Die Motivation bestimmt von Grund auf alles.

Natürlich nur einer von vielen Erklärungsversuchen. Legt man etwa die Motivtheorie von McClelland (1985) zugrunde, sieht alles schon wieder anders aus. Von wissenschaftlicher Seite ist die Theorie von Maslow auch vielfach kritisiert worden. Beispielsweise wird die vage Definition der verwendeten Begriffe kritisiert, die dazu geführt hat, dass die Theorie bis heute empirisch nicht überprüft werden konnte (Heckhausen und Heckhausen, 2006). Sehr positiv rechne ich persönlich Maslow an, dass er die Menschenbilder von Watson (Behaviorismus) und insbesondere Freud (Psychoanalyse, Triebtheorie) ablehnte. Insgesamt finde ich das Modell auch schlüssig. Über die Interpretation lässt sich diskutieren.

Quellen:
Heckhausen, J.; Heckhausen, H. (Hrsg); 2006. Motivation und Handeln, 3. Aufl. Springer, Berlin
Maslow, A. H.; 1954. Motivation and personality. Harper, New York
Maslow, A. H.; 1972. The Farther Reaches of Human Nature. Viking Press, New York
McClelland, D. C.; 1985. Human Motivation. Scott, Foresman, Glenview

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Ein Gedanke zu „Warum Kenianer einfach schneller sind

  1. Ein Punkt ist sicherlich der Unterschied im Muskelaufbau, der wichtigere aber wie in dem Text beschrieben die Laufumstände bzw. die Laufmotivation. Laufe ich um mich, meine Familie und eventuell mein Dorf zu ernähren oder laufe ich nur zur eigenen Freude.

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