Laufhelden

IMG_9932Lasst mich eine Geschichte erzählen. Von einem Helden. Einem Laufhelden. Oder besser: vielen Laufhelden. Denn es gibt sie öfter, als man zunächst denkt. Sowohl Frauen, als auch Männer. Alle haben sie Niederlagen einstecken müssen, aber alle sind sie wieder aufgestanden!

Stellt euch jemanden vor, der Erfolg im Beruf hat. Oder auch nicht. Mit Übergewicht. Der beim Treppenlaufen ins Schnaufen kommt, dem es gesundheitlich nicht allzu gut geht. Ganz blass ist, weil er nie draußen ist, die Sonne nur aus dem Fernsehen oder vom Wochenende kennt. Und insgesamt deshalb öfter schlechte Laune hat. Öfters gibt es
zum Frustabbau etwas zu Essen. Deshalb das Übergewicht – ein Teufelskreis.

Der erste Schritt zum Heldentum: er* sieht ein, dass sich etwas ändern muss. Nicht einfach. Aber es folgt auch der zweite: er kauft sich Laufschuhe, benutzt diese im Anschluss auch. Regelmäßig. Es ist Frühling, da fällt es nicht gar so schwer. Und wie das so ist, laufen hilft! Die Kondition wird besser, Stück für Stück. Das Übergewicht weniger. Die Treppen fallen leichter, er bekommt Farbe im Gesicht. Die Ernährung wird ausgeglichener. Und die Laune: besser!

Beim Laufen hat man viel Zeit zum Nachdenken. So formt sich eine Idee: er will sich messen. Nicht nur im Beruf, auch auf der Laufstrecke. Ein 10er soll es sein. Ein großes Ziel, aber machbar. Er bereitet sich akribisch vor. Das neue Ziel schafft neue Motivation. Sogar Intervalltraining wird jetzt absolviert. Der 10er wird prompt zum Erfolg: glücklich und stolz überläuft er die Ziellinie. Zur Feier des Tages gibt es ein Stück Kuchen.

Der Ehrgeiz bleibt. Dem ersten 10er folgen weitere. Das Tempo wird routinierter, die Taktik besser. Dann, nach einigen Wettkämpfen, soll die nächste Herausforderung kommen, der Halbmarathon. Noch im selben Herbst.

Das Training wird etwas verändert, die Läufe werden etwas länger. Er freut sich auf die neue Herausforderung und steht voll Vorfreude mit der großen Läuferschar am Start. Am Ende geht ihm etwas die Puste aus, aber er kommt ins Ziel. Mit stolzgeschwellter Brust. Er ist jetzt Halbmarathoni, wer hätte das am Jahresbeginn gedacht? Für den Frühling nimmt er sich den nächsten Halben vor, will deutlich schneller sein und am Ende nicht so eingehen. Diese Motivation bringt ihn durch den Winter, genauso wie zwei Winterlaufserien.

Durch die Wettkämpfe lernt er immer mehr Läufer kennen, alles nette Leute. Er verabredet sich für unter der Woche, so muss er im Training nicht immer alleine laufen. Bekommt so weitere wertvolle Tipps. Verbessert sich immer weiter. Und bekommt die nächste, große Idee und Motivation in den Kopf gesetzt: Marathon!

Weil der zweite Halbmarathon nach der gewissenhaften Vorbereitung im Winter besser und schneller läuft, als gedacht, entschließt er sich, das große Ziel anzugehen. Im Herbst soll es der Marathon sein!

So werden die Trainingsläufe noch länger, das Intervalltraining härter. Er hat sich viel vorgenommen. Das Datum des Marathons wird zum Jahreshighlight. Er zählt die Wochen, dann die Tage. Hält sich an alle Tipps, und steht dann endlich im Startblock. Hatte zwar das ein oder andere Wehwehchen, ist jetzt aber gesund und kann es kaum abwarten. Am Anfang noch kann er das Rennen und die Atmosphäre genießen, dann wird es anstrengend. Nach 30 km trifft er den Mann mit dem Hammer, muss irgendwann gehen. Es ist schrecklich, er schwört sich „nie wieder“, setzt aber doch weiter einen Fuß vor den anderen. Und kämpft sich bis ins Ziel. Er hat es geschafft, er ist Marathoni! Nur die Zeit, die gefällt ihm nicht. Er will schneller, gleich im Frühjahr.

So schafft er es ein zweites Jahr in Folge durch den Winter. Wird noch fitter, ausdauernder. Hat ein gutes Gefühl für den zweiten, ganz großen Lauf. Doch dann erwischt ihn eine böse Grippe. Er bleibt vernünftig und sagt den Marathon ab. Startet nach der Gesundung gleich in die nächste Vorbereitung. Für den Herbst. Wieder ist das Gefühl gut, er freut sich riesig auf das Rennen, nur um erneut enttäuscht zu werden: am Ende des Rennens wird er von Krämpfen heimgesucht und muss wieder von seinem Zeitziel Abstand nehmen. Kämpft sich dennoch ins Ziel und ist jetzt zweifacher Marathoni. Nur die Zeit, die gefällt ihm wieder nicht.

Für den nächsten großen Tag will er etwas anderes versuchen, und sucht sich einen Trainer. Das Training wird strukturierter. Auf den Unterdistanzen verbessert er sich. Er fühlt sich so gut wie nie und ist sich sicher, sich dieses Mal seinen großen Läufertraum zu erfüllen, sein Zeitziel zu schaffen. Es wird wieder nichts: beim Frühjahrsmarathon wird er umgerannt und verstaucht sich den Knöchel. Er kommt nicht ins Ziel. Im Herbst sind die Krämpfe so stark dass er wieder aufgeben muss. Zwei Aufgaben in einem Jahr – was jetzt? Kann er es überhaupt schaffen? Lohnt sich die ganze Mühe, die vielen Entbehrungen?

Ich spreche von einem Laufhelden. Es mag Zeiten des Zweifels geben, doch aufgegeben wird nicht! Er steht wieder auf, lässt sich nicht unterkriegen, will es wieder versuchen. Mit dem Risiko, ein weiteres Mal zu scheitern, vielleicht immer wieder. Der Laufheld versucht es dennoch.

Meist geht es nur um die Besten, denn die Besten hatten Erfolg. Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Aber sind die wahren Helden nicht die, die scheitern, dann aber aufstehen, um es erneut zu versuchen?
Zur großen Läuferfamilie gehören alle, egal, ob sie einen Marathon in 2h rennen oder nur 5 km im 7er Schnitt schaffen. Heute zolle ich all jenen Respekt, die nicht aufgeben. Die ihre Ziele trotz Ungewissheit verfolgen. Nach dem Scheitern wieder aufstehen und damit Vorbild sind. Für mich, für uns alle!

*Hinweis: Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird in diesem Artikel der Einfachheit halber nur die männliche Form verwendet. Die weibliche Form ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen.

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